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Krisenintervention durch lösungsfokussierte Beratung

I. Entwicklung des lösungsfokussierten Konzepts I.1. Historisches I.2. Lösungsfokussiert versus Lösungsorientiert II. Merkmale des lösungsfokussierten Konzepts II.1. Fokus Zukunft II.2. Wahlmöglichkeiten schaffen II.3. Identifikation von Ressourcen II.4. Verwirklichung der Kooperation III. Krise Erschütterung der Kontinuität des Lebens III.1. Definition Krise III.2. Krisenauslöser und innerer Bezugsrahmen der Krise IV. Indikation der lösungsfokussierten Beratung bei Klienten in Krisensituationen IV.1. Warum lösungsfokussiert IV.2. Pragmatismus und Effektivität V. Lösungsfokussierte Beratung in der Praxis V.1. Weg vom Problem, hin zur Lösung VI. Phasen der Beratung VI.1.1. Synchronisation VI.1.2. Lösungsvision VI.1.3. Lösungskonzeption VI.1.4. Lösungsevaluation VI.1.5. Lösungssicherung und Abschluss der Beratung VII. Beratungstechniken VII.1. Sprache als zentrales Medium der Beratung VII.2. Rhetorische Mittel in der Beratung VII.2.1. Skalierungsfragen VII.2.2. Hypothetische Lösungen VII.2.3. Kreativitätstechniken VIII. Berater und Klient VIII.1. Berater VIII.2. Der Klient VIII.2.1. Der Besucher VIII.2.2. Der Klagende VIII.2.3. Der Leidende IX. Resümee X. Quellenverzeichnis I. Entwicklung des lösungsfokussierten Konzepts I.1. Historisches Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Wissenschaft durch den Objektivismus der naturwissenschaftlichen Methode gekennzeichnet. Die Kernfrage, die seinerzeit gewöhnlich gestellt wurde, war: Was ist die Ursache des Problems? Diese Kernfrage postuliert, dass einem bestimmten Problem auch stets eine bestimmte Ursache zugrunde liegt und dass eine Beziehung zwischen dem Herausfinden der Ursache des Problem und dessen Lösung besteht. Mitte des letzten Jahrhunderts, im Rahmen der Entwicklung der Kybernetik, tauchte eine neue Fragestellung auf: Was hält das Problem aufrecht? Bei dieser Fragestellung wird davon ausgegangen, dass ein Problem existiert und dieses aufrechterhalten wird und stellt einen Bezug zwischen dem Problem und dessen Aufrechterhalten her, der herausgefunden und beschrieben werden kann. Im Rahmen der allmählichen Wegbewegung von Problemursachen über die Aufrechterhaltung des Problems begann man nun nach Lösungen zu suchen. Der Fokus richtete sich immer weniger auf die Vergangenheit sondern zunehmend auf die Gegenwart und die Zukunft. In den letzten Jahrzehnten stellte dann Steve de Shazer[1] eine neue Frage: Wie konstruiert man Lösungen? Damit postuliert de Shazer, dass es Lösungen gibt, die konstruierbar sind. Weiterhin sieht er die zentrale Voraussetzung der Beratung in der Erwartung, dass sich etwas verbessern kann. I.2. Lösungsfokussiert versus Lösungsorientiert Das lösungsfokussierte Konzept unterscheidet sich inhaltlich durchaus vom lösungsorientierten Verfahren. Das lösungsorientierte Konzept ist eher eine weiche Form der Beratung bzw. Therapie, die durchaus impliziert, das Problem zu vertiefen. Dabei greifen lösungsorientiert arbeitende Therapeuten oftmals auf bewährte Techniken verschiedener traditioneller Therapieschulen zurück. Somit bedeutet Lösungsorientierung eine Haltung des Experten, die auf innere Lösungen ausgerichtet ist. Der Fokus richtet sich dabei zudem auf eine konkrete lösungsfokussierte Interventionsstrategie dieses Therapiemodells. Dagegen verzichtet das lösungsfokussierte Konzept komplett auf die Vertiefung des Problemverständnisses und sieht den Klienten als Experten, da es postuliert, dass der Klient, wenn er mit einem Problem in die Beratung kommt, auch immer auch bereits eine Lösung mitbringt. Der lösungsfokussierte Ansatz konzentriert die Aufmerksamkeit auf die Spezifika und Ressourcen des Klienten nicht aber auf präsentierte Probleme. II. Merkmale des lösungsfokussierten Konzepts Das lösungsfokussierte Konzept basiert auf der Grundannahme, dass es für die Lösung eines Problems nicht relevant ist, das Problem selbst detailliert zu kennen. Vielmehr ist es ein klar strukturiertes Vorgehen, das die individuellen Stärken, Ressourcen und die Motivation des Klienten betont. Dieses Konzept, das als bewusstes und ebenso unbewusstes Arbeitsbündnis zwischen Berater und Klient angesehen werden kann, zeichnet sich durch bestimmte Merkmale hinsichtlich des zeitlichen Fokus und des Dialogs aus, ebenso setzt es aber auch eine Reihe von Überzeugungen, ethischen Grundsätzen und Leitideen voraus. Das Hauptziel der lösungsfokussierte Beratung besteht darin, dem Klienten einen Lernprozess zu ermöglichen, in welchem er sich immer mehr seiner Selbstwirksamkeit und seiner autonomen Gestaltungsfähigkeit bewusst wird. Durch dieses Bewusstsein von Selbstwirksamkeit, das der Klient durch immer aktivere Lebensgestaltung erfährt, wird er letztendlich größere Selbstachtung und somit ein Gleichgewicht zwischen den individuellen Stärken und Schwächen gewinnen. II.1. Fokus Zukunft Befindet sich eine Person in einer Krisensituation, kreist das Denken oftmals nur noch um das Problem. Dies führt zu einem „Feststecken“ in der Krise, zu Resignation und allmählich dazu, dass das gesamte Leben zum Problem wird. In der lösungsfokussierte Beratung wird das Problem jedoch als etwas vollständig Normales betrachtet, das zum Leben dazugehört – ein konstitutives Element des menschlichen Entwicklungsganges. Der Philosoph Wilhelm Schmid utilisiert diesen Umstand sogar zur Voraussetzung für wirkliche Lebenskunst (LOB blau): „Das erfüllte Leben ist gleichsam das Atmen zwischen den Polen des Positiven und Negativen, die gesamte Weite der Erfahrungen zwischen Gegensätzen und Widersprüchen, die allein den profunden Eindruck vermitteln, wirklich zu leben und das Leben voll und ganz zu spüren“[2]. Für die lösungsfokussierte Beratung bedeutet dies, dass der Klient mit etwas Hilfe durchaus in der Lage ist, eine normale, zum Leben gehörende Schwierigkeit zu bewältigen und sich nicht weiter in der Problemspirale aufzuhalten. Mit diesem Problemverständnis kann der Berater den Klienten dabei unterstützen, sich der Herausforderung Zukunft zu stellen, sich von seinem gegenwärtigen Stand zu lösen und nach vorne zu blicken. Exakt diesen „Dreh“ zu unterstützen, ist die Intention des lösungsfokussierten Konzepts. II.2. Wahlmöglichkeiten schaffen „Erst wenn Menschen anfangen, Szenarios des Möglichen zu entwerfen, bewegen sie sich in Richtungen, die sie zufriedener machen, und…(ihre) Probleme lösen sich auf oder verlieren weitgehend ihren Einfluss… .“[3] Aufgrund dessen ermöglicht die lösungsfokussierte Beratung dem Klienten, wieder einen Blick für sein gesamtes Lösungspotential zu bekommen, um so wieder mehr Spielraum für das eigene Handeln zu entwickeln. Im Rahmen der lösungsfokussierte Beratung können neue Perspektiven eröffnet werden und so der Klient aus seiner durch die Problemfixierung verursachte Handlungsunfähigkeit, geführt werden. Die Lösungsfokussierte Beratung sucht auch nach den kleinsten Veränderungsmöglichkeiten. Sie richtet den Fokus auf das Opportune. Dies erfolgt vor allem durch Konzentration auf Ausnahmen, die bereits unbewusst funktionierende Lösungen darstellen. Zwar neigt der Klient dazu, sein Problem als ständig existent wahrzunehmen, jedoch sind Probleme nicht ständig in gleichem Maße existent. Es ist also erforderlich, die Konzentration auf eben diese Ausnahmesituationen zu richten – einerseits auf die situationsspezifischen Bedingungen, um die Ursache für die Ausnahme zu klären, andererseits auf das Verhalten des Klienten in der Ausnahmesituation. Der Berater analysiert also nicht das eigentliche Problem und dessen Bedingungsgefüge sondern das Verhalten des Klienten in der beschwerdereduzierten Phase. Demzufolge sieht sich der Klient nicht mehr als Opfer der Umstände sondern als aktiv Handelnder. „Wenn diese Suche erfolgreich verläuft und Unterschiede beobachtet und in der ersten Sitzung besprochen werden, bestätigt sich die Erwartung eines bedeutenden Wandels bezüglich der Beschwerde und der Lösung für den Klienten und für den Therapeuten, weil hinsichtlich der Beschwerde bereits eine Veränderung aufgetreten ist.“ („Der Dreh“)[4]. II.3. Identifikation von Ressourcen Zur Konstruktion von Lösungsmöglichkeiten ist es nur relevant, dem Klienten funktionale Persönlichkeitsanteile und hilfreiche Lebensumstände vor Augen zu führen, nicht aber nach dem zu suchen, was falsch läuft. In den Worten von Insoo Kim Berg (2000): “My job is to find out, what they are doing right!”[5] Nur mit diesen Kompetenzen über die der Klient – manifestiert oder latent – verfügt und die Lösungspotentiale darstellen, lässt sich auch eine Lösung konstruieren. Somit bedeutet also lösungsfokussierte Beratung die Aktivierung bislang ungenutzter Fähigkeiten und Möglichkeiten des Klienten. Ergo ist es die Aufgabe des Beraters, innere Suchprozesse in Gang zu bringen, die den Klienten wieder mit seiner Kreativität und Vitalität in Kontakt bringen. Damit verfügt letztendlich der Klient wieder über mehr Selbstwertgefühl, ein umfassenderes Kompetenzbewusstsein und wird wieder in der Lage sein, mit größerer Eigenverantwortlichkeit und mehr Eigenwirksamkeit zu handeln. II.4. Verwirklichung der Kooperation Betrachtet man diese Ressourcenorientierung genauer, resultiert daraus ein neues Bild des Beratungssystems- das kollaborative Expertensystem. Der Berater ist nicht weiter in der Rolle des Problemlösers – vielmehr wird er zum „ Mitgestalter sinnvoller Alternativen zum Problemverhalten“[6] bzw. zum „Entwicklungshelfer für nicht aktualisierte Möglichkeiten“[7]. Um die Differenzierung zur problemanalysierenden Vorgehensweise der traditionellen Methoden zu verdeutlichen, ist die lösungsfokussierte Beratung als Arbeit am Problem anzusehen, also als „zieldienliches kooperatives Lösungssystem“[8]. Diese Abgrenzung ist auch für den Klienten von großer Bedeutung. Es besteht durchaus ein Unterschied darin, ob der Klient sich einer Psychotherapie unterzieht oder ob er in einer Krisensituation eine Beratung in Anspruch nimmt – ob er also Heilung oder Lösung sucht. III. Krise – Erschütterung der Kontinuität des Lebens III.1. Definition Krise Die Krise im gesamten psychosozialen Bereich ist „ein durch ein überraschendes Ereignis oder akutes Geschehen hervorgerufener schmerzhafter seelischer Zustand oder Konflikt … , der dann entsteht, wenn sich eine Person … Hindernissen auf dem Weg zur Erreichung wichtiger Lebensziele oder bei der Alltagsbewältigung gegenübersieht und diese nicht mit den üblichen Problemlösungsmethoden bewältigen kann“[9]. Aus klientenzentrierter Sicht ist eine Krisensituation ein Zustand extremer Inkongruenz. Darüber hinaus besteht oftmals ein Missverhältnis in der individuellen Reaktion auf den Krisenauslöser. Somit tritt eine Krisensituation dann ein, wenn ein Mensch mit einem Auslöser konfrontiert wird, der ihn aufgrund seiner aktuellen inneren Ausstattung überfordert und er dadurch die Hoffnung verliert, eine bestimmte Situation meistern zu können. Im Hinblick auf die lösungsfokussierte Beratung ist somit anzuführen, dass im Rahmen einer Krisensituation der Klient primär von seiner deprimierenden Problemsicht befreit werden muss, um die Gefahr einer psychischen Invalidität zu verringern. III.2. Krisenauslöser und innerer Bezugsrahmen der Krise Die Auslösefaktoren einer Krise sind vielfältig. Diese können als Katastrophen und Massenbelastungen ebenso auftreten wie auch als individuelle Belastungen. Individuelle Krisen sind zumeist an Verlustereignisse gebunden oder an Ereignisse, die die individuelle Integrität bedrohen, wie z. B. berufliches Scheitern, Zurückweisungen und sexuelle Übergriffe. Ebenso können kritische Lebensereignisse Krisen auslösen. Erikson beispielsweise spricht von so genannten Reifungskrisen, die im Säuglingsalter, in der Vorpubertät, Adoleszenz, im späten Erwachsenenalter und im Alter auftreten[10]. Allerdings äußern sich alle Krisen auf ähnliche Weise. Krisen haben zumeist für die betroffene Person einen bedrohlichen Charakter: die bisherigen Werte und Ziele werden in Frage gestellt und die Handlungs- und Problemlösefähigkeiten sind eingeschränkt. Die Krise wird als Ausnahmezustand erlebt, der weitgehend unerklärlich erscheint. Das mangelnde Selbstverständnis in diesem Zustand erschüttert zunehmend das Selbstwertgefühl. Allerdings existiert auch ein anderer, positiver Aspekt der Krise: der Betroffene fühlt sich lebendig. IV. Indikation der lösungsfokussierten Beratung bei Klienten in Krisensituationen IV.1. Warum lösungsfokussiert? Psychologische Beratung beginnt gewöhnlich damit, dass der Klient konstatiert, sich in einer Krisensituation zu befinden. Er konsultiert einen Experten für Probleme, der üblicherweise in einem mehr oder weniger langwierigen, differenzierten Prozess versucht herauszufinden, was falsch läuft. Das eigentliche Problem muss zuerst aufgedeckt und analysiert werden – also ins Bewusstsein gebracht werden, um es dann zu beseitigen. Dies hat den Effekt, dass dem Klienten primär seine Hilflosigkeit verdeutlicht wird, die ihn ja letztendlich in die Beratung geführt hat. Somit erlebt der Klient nichts anderes als eine Fortsetzung und Manifestierung seiner Krise. Zudem gilt zu beachten, dass auch der Berater bei Durchführung der Problemanalyse selbst im Rahmen des empathischen Verstehens von Gefühlen wie Verzweiflung oder Depressivität eingefangen werden könnte. Da der Berater versucht, aus den Erzählungen des Klienten dessen Leben zu rekonstruieren, wird er den Klienten weiter ermutigen, mehr und ausführlicher von seinen Problemen zu berichten. Dabei besteht die Gefahr, dass der, sich in einer Lebenskrise befindende, Klient mit einem trivialen, berechenbaren System, z. B. einer Kaffeemaschine gleichgesetzt wird, bei dem detaillierte Fragen nach Störungsdetails durchaus sinnvoll erscheinen. Zwar ist es bei solch einer Maschine durchaus zweckmäßig, anhand einer Fehler/Ursache-Zuordnung eine erfolgreiche Reparatur zu machen, nicht aber bei einem Menschen. Zudem wird der Klient im Rahmen der Problemanalyse leicht als Opfer seiner Lebensumstände gesehen und kaum in seinen Kompetenzen und Ressourcen gewürdigt. Damit stellt sich die Frage, inwieweit es sinnvoll ist, sich auf Vergangenes zu konzentrieren und Probleme zu analysieren, wenn man doch eigentlich nach Lösungskonstruktionen sucht. Schon Einstein wusste: Man kann ein Problem nicht mit derselben Denkweise lösen, die zu seiner Entstehung geführt hat. All diese Aspekte legen es sicher nahe, sich auf die Analyse der Lösung zu konzentrieren und die Analyse des Problems zu vernachlässigen, also lösungsfokussiert zu beraten. Im Gegensatz zur Frage „Was verursacht das Problem?“ fragt der lösungsfokussierte Berater „Wie konstruieren wir Lösungen?“. Somit entsteht ein umfassendes Beratungsmodell, das sich „von der Pathologie und der Objektivierung des Menschen entfernt zu einem positiven Ansatz, wo Menschen als Teil einer Gemeinschaft begriffen werden und fähig sind, das zu erschaffen was sie wollen“[11] . IV.2. Pragmatismus und Effektivität „Simple but not easy“ – so kennzeichnet Steve de Shazer selbst sein Beratungskonzept. Die lösungsfokussierte Beratung ist ein Beratungskonzept, das auf dem Prinzip der Konstruktivität basiert. Das beraterische Vorgehen ist konkret und der Nützlichkeit verpflichtet. Anders ausgedrückt, geht es darum, was zu tun oder zu unterlassen ist, um dem Klienten hilfreiche Aspekte zu eröffnen und Entwicklungsimpulse zu vermitteln. Statt also Ursachen zu klären oder kausale Erklärungsmodelle zu konstruieren, konzentriert sich der Berater auf das lösungsorientierte Beratungsgeschehen. In der Konzentration auf das, was im Rahmen der Interaktion zwischen Berater und Klient geschieht, und um Effizienz der Beratung zu steigern, hat de Shazer folgendes Flussdiagramm entwickelt: image001 Abbildung 1: Flussdiagramm von de Shazer V. Lösungsfokussierte Beratung in der Praxis V.1. Weg vom Problem, hin zur Lösung Der Ausgangspunkt für eine lösungsfokussierte Beratung ist durch den Klienten definiert, der sich in einer Inkongruenz erlebt, und in seinen Bemühungen wieder zu Kongruenz zu gelangen, feststeckt. Unter der humanistisch orientierten Annahme, dass der Mensch grundsätzlich die Fähigkeit besitzt, sein Leben aus eigener Kraft positiv meistern zu können, ist es Ziel der Beratung, persönliche Kompetenzen und soziale Ressourcen des Klienten zu identifizieren und zu aktivieren. Lösungen werden ergo als Veränderungen eines Teils des Systems – also Veränderungen von Wahrnehmungen, Gedanken, Verhaltensmustern – verstanden. VI. Phasen der Beratung VI.1.1. Synchronisation Der Beginn der Beratung mit einem neuen Klienten ist zumeist von vielen Vorabinformationen und Erwartungen geprägt. Die lösungsfokussierte Beratung beginnt im Hier und Jetzt. Der Beginn der Synchronisation ist das respektvolle Aufeinanderzugehen und ein wohlwollendes Arrangement mit dem Faktischen. Das respektvolle Aufeinanderzugehen sollte primär unter Anwendung von Empathie, positiver Wertschätzung und Kongruenz nach C. Rogers erfolgen, denn: „Konstruktives Wachstum der Persönlichkeit ist verbunden mit der Aufrichtigkeit des Therapeuten, mit seiner echten, nicht an Bedingungen gebundenen Wertschätzung seines Klienten, mit einem einfühlenden Verstehen von dessen persönlicher Welt und endlich mit der Fähigkeit, diese Einstellungen dem Klienten mitzuteilen“[12]. Die zweite wichtige Ressource, die der Berater von sich aus in das Gespräch einbringt, ist seine Befähigung, Brücken zu bauen: die Brücke des Vertrauens, der Wertschätzung, der Ermutigung und später dann die Brücke vom Hier und Jetzt zu einem Punkt, der in der Zukunft liegt. Ein weiterer zentraler Punkt der Synchronisation ist die Gewinnung einer gemeinsamen thematischen Sichtweise: die Konzentration auf die Vision der Möglichkeiten. Die Phase der Synchronisation ist dann erfolgreich abgeschlossen, wenn zwischen Berater und Klient ein kontraktähnliches Konstrukt erarbeitet wurde, das die Form der weitern Zusammenarbeit regelt. VI.1.2. Lösungsvision Während bei der Problemerörterung die vom Klienten beklagten Probleme im Fokus der Beratung standen, richtet sich der Fokus in der Phase der Lösungsvision auf die Verhaltensweisen, die problemunbelastet sind und somit die verfügbaren Ressourcen des Klienten repräsentieren. De Shazer schreibt in seinem Werk „Der Dreh“: „Suche nach Ausnahmen, die zu Unterschieden werden, die einen Unterschied machen“. Konträr zu anderen Beratungsmethoden, bei denen die Problemlösung über die Problemanalyse und das Problemlösen erfolgt, bevorzugt die lösungsfokussierte Beratung eine andere Strategie. Für den lösungsfokussierten Berater besteht die Ideenquelle für ein erfolgreiches Problemlösen darin, dass er primär die Situation betrachtet, die sich ergibt, wenn das Problem bereits gelöst ist. image002 Es ergibt sich nach de Shazer folgendes Ablaufschema: Abbildung 2 Nach de Shazer ist es leichter, sich von einer attraktiven Vision inspirieren zu lassen, als mühsam von einem Problem wegzukommen. Folglich ergibt sich die Kraft zur Veränderung aus dem Zielbezug, nicht aus dem Rückblick. Die Kernfrage, um zu einer Lösungsvision zu gelangen, lautet also: Was ist, wenn das Problem nicht ist bzw. nicht mehr wäre? Diese Frage dient einer präzisen Zieldefinition seitens des Klienten. Dadurch definiert der Klient explizit seine Erwartung an die Beratung und er beschreibt, in welche Richtung er sein Leben ändern will. Zudem resultiert aus dem Aushandeln einer erreichbaren Lösung die Basis für eine erfolgreiche Beratung – nach der Prämisse: Wenn eine Beratung erfolgreich enden soll, muss sie richtig beginnen. Denn eine Beratung, deren Ziel vage bleibt, bleibt selbst vage. VI.1.3. Lösungskonzeption Es ist bedeutsam, zwischen der Lösungsvision und der Lösungskonzeption zu differenzieren. Während die Lösungsvision eine lageorientierte Strategie ist, bei der die aktuelle Lage und die individuellen Möglichkeiten sondiert werden, ist die Lösungskonzeption eine handlungsorientierte Strategie, bei der es um konkrete Abkommen bzgl. bestimmter Handlungen und deren aktive Durchführung geht. Allerdings wirkt das Übereinkommen bzgl. einer Lösungskonzeption auf der rein kognitiven Ebene oft nur kurz. Es wird erst tatsächlich verhaltenswirksam, wenn es um die Realisierung geht. Sich darüber bewusst zu sein, was man im Sinne der Lösung tun könnte, heißt noch lange nicht, dass man es tut. Diese rationale Strategie kann der Klient allerdings nur dann umsetzen, wenn er mit seiner Aufmerksamkeit ganz auf sich selbst fixiert ist und er sich in einer vertrauensvollen Beziehung zum Berater erlebt, von seiner Selbstwirksamkeit überzeugt ist und zuversichtlich hinsichtlich des Erfolgs ist. Erst dann integriert der Klient die entwickelte Lösungsidee in sein psychisches System und ist aus sich heraus in der Lage, lösungsorientiert zu handeln. Also ist es das Ziel der Lösungskonzeption, gemeinsam eine handlungsorientierte Strategie zu entwickeln bei der es um die konkrete Festlegung auf ein bestimmtes Handeln und dessen aktive Umsetzung geht. Dieser Lösungsvorschlag beinhaltet in der Regel eine konkrete Verhaltensanweisung, vorzugsweise in Form einer „Hausaufgabe“, die bis zur nächsten Beratungsstunde zu erledigen ist. Daraus resultiert, dass sich das lösungsorientierte Veränderungsgeschehen nicht in den Beratungssitzungen, sondern in der Zeit dazwischen abspielt. .Ergo in der realen Lebenswelt des Klienten – der Klient ist somit nicht Ratsuchender sondern Rathandelnder. Die Beratung selbst stellt folglich nur das „Briefing“ dar. VI.1.4. Lösungsevaluation In dieser Phase beginnt ein neues Beratungsgespräch. Intention dieser Sitzung ist nun primär die Identifizierung und positive Wertschätzung der direkten oder indirekten erfolgreichen Veränderungen im Leben des Klienten infolge des ersten Beratungsgespräches Die wesentliche Differenz zwischen dem ersten Beratungsgespräch und den folgenden Sitzungen besteht darin, dass der Fokus nun gänzlich auf die Verbesserungen gerichtet ist. Bedeutend ist, jeder auch noch so minimalen positiven Veränderung Beachtung zu schenken, diese zu würdigen, sich in den Veränderungsprozess hineinzufragen und so das Kompetenzgefühl des Klienten zu stärken. Selbst kleinste Veränderungsschritte werden als Indiz dafür hervorgehoben, dass dieser Veränderungsprozess, der den Lösungsprozess darstellt, in Gang gekommen ist. Sollte jedoch die vereinbarte „Hausaufgabe“ nur partiell oder gar nicht erledigt worden sein, gilt es lediglich herauszufinden, was der Klient als Experte seines Lebens stattdessen getan hat und was dabei hilfreich für ihn war. Möglicherweise ist der Klient auch mit dem, was er stattdessen getan hat, auf einen erfolgreichen Lösungsweg gekommen und macht deutlich Fortschritte. VI.1.5. Lösungssicherung und Abschluss der Beratung Der Lösungsprozess wird durch Skalierungsfragen und positiv orientierte Fragen aufrechterhalten. Der lösungsfocussierte Entwicklungsprozess gilt in der Regel dann als gesichert, wenn folgende drei Aspekte erfüllt sind: 1. Der Klient ist sich darüber bewusst, dass er aktiv etwas gelöst hat. 2. Der Klient ist überzeugt, persönliche Kontrolle über sein Leben zu haben, also seine Selbstwirksamkeitsüberzeugung hat zugenommen. 3. Der Klient ist wieder in der Lage, aktiv zu Handeln und sein Leben aktiv zu Gestalten. In der Lösungsfokussierten Beratung gilt die Maxime der Reduzierung auf das Notwendigste. Der ressourcen-orientiert arbeitende Berater sollte sich sobald als möglich entbehrlich machen. Unter dieser Prämisse sollte nach jeder Sitzung überprüft werden, ob der Klient eine hinreichende Perspektive gewonnen hat, seinen Weg zu gehen und ob damit die beratende Beziehung gelöst werden kann. VII. Beratungstechniken VII.1. Sprache als zentrales Medium der Beratung Grundlage der pragmatischen Sicht des Beratungsgeschehens von de Shazer ist primär das Faktum, dass die Beratung aus nichts anderem besteht, als dass Berater und Klient abwechselnd miteinander und zugleich aber jeder für sich sprechen. Somit sind dabei vier verschiedene Dialogebenen zu differenzieren: image003 Abbildung 3 Daher liegt es also nahe, die Sprach- und Sprechstrukturen detailliert zu betrachten. Oftmals genügen für bedeutungserweiternde Interventionen schon einfache Umformulierungen, die dem Klienten eine neue Wahrnehmung seiner problematischen Lage ermöglichen und ihn implizit einladen, anders zu denken, zu fühlen und zu handeln. „Eine Ausrichtung auf das Positive, auf die Lösung und auf die Zukunft erleichtert eine Veränderung in die gewünschte Richtung. Deshalb sollte man sich auf lösungsorientiertes Sprechen konzentrieren und nicht auf problemorientiertes“[13]. Denn lösungsorientiertes Sprechen und Fragen begünstigt lösungsorientiertes Denken und somit lösungsorientiertes Handeln. Ergo darf nicht vergessen werden, dass es Worte sind, die die Realität schaffen. Denn Worte sind in der Beratung die Bausteine, aus denen Realitäten geschaffen werden. „Worte waren ursprünglich Zauber, und das Wort hat noch heute viel von seiner alten Zauberkraft bewahrt. Durch Worte kann ein Mensch den anderen selig machen oder zur Verzweiflung treiben … Worte rufen Affekte hervor und sind das allgemeine Mittel zur Beeinflussung der Menschen untereinander…“[14]. Im Rahmen der lösungsfokussierten Beratung kann durch ein Spiel mit Worten ein Teil der Realität dekonstruiert werden, um eine neue Realität zu konstruieren. So bewirkt die Aussage, dass ein Klient depressiv ist, eine gänzlich andere Realität, als wenn sein Fokus darauf gerichtet ist, dass er depressive Gefühle oder Verhaltensweisen zeigt. Denn Verhaltensweisen lassen sich ungleich leichter ändern als Zustände. VII.2. Rhetorische Mittel in der Beratung VII.2.1. Skalierungsfragen Der Weg zur Lösung ist im Allgemeinen ein Prozess der Annäherung in kleinen Schritten. Durch sukzessives Vorankommen wird aus dem anfänglichen komplexen Problem eine Erfolgsgeschichte aus diversen lösbaren Einzelaufgaben. Für diesen schrittweisen Lösungsprozess ist es unerlässlich, auch minimale Nuancen der Veränderung zu erkennen, zumal jeder Wandel mit einer graduellen Differenz beginnt. So könnte eine Skalierungsfrage beispielsweise lauten: „Ich möchte Ihre Situation genauer betrachten und besser verstehen. Dazu würde ich gerne eine Skala von 1 bis 10 verwenden. Wenn die 1 für die Situation steht, in der es für Sie am schwierigsten gewesen ist und 10 für den Augenblick steht, in dem Sie das Gefühl haben, es ist alles wieder gut – wo würden Sie sich in diesem Augenblick einordnen?“ Bei einer solchen Sensibilisierung für kleine Differenzen in der Intensität des Erlebens von Problemen, der Visualisierung von Veränderungsprozessen und auch bei der Motivation des Klienten für einen Annäherungsprozess an die Lösung unterstützen Skalierungsfragen den beraterischen Prozess, indem sie konkrete Fortschritte hervorheben und Ressourcen verdeutlichen. Somit können mittels Skalierungsfragen Entwicklungen in Richtung der erwünschten Lösungen aus subjektiver Sicht quantifiziert und somit für den Klienten geeignete Lösungsschritte konstruiert werden. VII.2.2. Hypothetische Lösungen Für die Entwicklung von hypothetischen Lösungen existiert in der lösungsfokussierten Beratung eine Leitfrage, die es dem Klienten ermöglicht sich vollkommen losgelöst von seiner problembelasteten Situation auf eine Art „ lösungsorientiertes Brainstorming“ einzulassen. Zudem ermöglicht das Wort „Wunder“ dem Klienten, über eine maximale Bandbreite von Möglichkeiten nachzudenken, die Realität zu verlassen und in eine virtuelle Zukunft hineinzufühlen, in der nahezu alles möglich ist. Die so genannte Wunderfrage lautet: Angenommen, es würde eines Nachts, während Sie schlafen, ein Wunder geschehen und Ihr Problem wäre gelöst. Wie würden Sie das merken? Was wäre anders?[15]. Der Gebrauch der Wunderfrage verhilft laut de Shazer Therapeut und Klient zu einem möglichst klaren Bild, wie eine Lösung aussehen könnte, auch wenn das Problem unbestimmt, verworren oder unzureichend beschrieben ist. Die Wunderfrage dient somit zur Entkoppelung von Problem und Lösung, ermöglicht eine umfassende Ziel – und Werteklärung und motiviert den Klienten. VII.2.3. Kreativitätstechniken Unter der Prämisse, dass die optische Sensorik beim Menschen am differenziertesten entwickelt ist, ist im Rahmen der lösungsfokussierten Beratung das Arbeiten mit Kreativitätstechniken sicher unterstützend und förderlich. Infolge dessen ist es durchaus sinnvoll, den Klienten einzuladen, seine Sicht der des Problems oder auch seine Lösungsvision zeichnerisch darzustellen. Eine weitere Kreativitätstechnik ist die Metaplan-Technik. Hier werden im Rahmen eines Brainstormings intuitiv diverse Pappkarten mit Lösungsansätzen, Ideen und Gedanken beschrieben, an eine Pinnwand gesteckt und geordnet. Die visualisierten und präsentierten Ausarbeitungen werden dann nach Umsetzbarkeit beurteilt, ausgewählt und bearbeitet. Der britische Psychologe Tony Buzan entwickelte in den 60er Jahren das Mind-Mapping , in welchem „im Gegensatz zum Brainstorming , bei dem in der Regel eine Reihe von unsortierten Begriffen produziert und anschließend sortiert werden, von Beginn an vernetzte Strukturen erzeugt werden“[16]. Das zentrale Thema wird in die Mitte des Blattes geschrieben und stellt das Zentrum der Überlegungen dar. Alle Lösungsvisionen werden nun in Form von Verästelungen angezeichnet und miteinander verknüpft. VIII. Berater und Klient VIII.1. Berater In der lösungsfokussierten Beratung ist der Berater primär der Kommunikationspartner des Ratsuchenden. Er stellt keine Autorität dar, sondern begleitet lediglich den Klienten auf seinem Weg zur Lösungsfindung, initiiert Dialoge über die Lösungssuche und hält diese Dialoge aufrecht. Da der Berater als Experte für die Lösungssuche angesehen werden kann, ist er befreit von der Aufgabe, eine Lösung wissen zu müssen. Er ist gemeinsam mit dem Ratsuchenden auf der Suche nach den kleinsten Veränderungsmöglichkeiten, folglich ist er befreit von der in anderen Beratungsschulen vorherrschenden Problemfixierung und der damit teilweise implizierten Handlungsunfähigkeit. Der lösungsfokussierte Berater akzeptiert die Mündigkeit des Ratsuchenden und respektiert dessen Freiwilligkeit. Er verhilft dem Klienten durch positive Wertschätzung, Komplimente und gemeinsame Suche nach Ausnahmen, individuelle Ressourcen zu aktivieren. In der lösungsfokussierten Beratung übergibt der Berater dem Ratsuchenden die Verantwortung für dessen Leben, denn nur so kann der Klient auch Lösungen entwickeln. Diese Verantwortungsübernahme bedeutet allerdings für den Ratsuchenden einen Abschied von der Möglichkeit des Jammerns und Leidens, die sicher zunächst nicht besonders reizvoll erscheint. Infolge dessen ist die Gesprächsführung mit einem Klienten, der lediglich „ leidet“ von besonderer Bedeutung. Zum Einen muss der Berater das Klagen des Klienten ernst nehmen und empathisch verstehen, zum Anderen sollte er sich bemühen, dass der Klient Verantwortung übernimmt, damit Denkprozesse initiiert werden können, die über das Finden von Ausnahmen hinaus zu Lösungsperspektiven führen. Die kommunikativen Beiträge des Beraters in der lösungsfokussierten Beratung bestehen in der Regel aus Fragen, die als Einladungen zur lösungsorientierten Aufmerksamkeitsfokussierung beitragen, aus positiven Rückmeldungen in Form von Komplimenten zur Identifikation von Kompetenzen und Ressourcen sowie aus Offerten in Form von Ideen für zieldienliche Aktivitäten. Damit sollen beim Ratsuchenden diverse komplementär-kooperative Beiträge wie die Reflektion des zukunftsorientierten Erlebens und Verhaltens, die Bewusstwerdung der Möglichkeiten für Selbstwirksamkeit und eine Motivation für zieldienliches Agieren ausgelöst werden. Der lösungsfokussierte Berater versteht sich jedoch nicht als Therapeut, so dass er den Klienten gegebenenfalls durchaus motivieren kann, ergänzende therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. VIII.2. Der Klient Oder besser gesagt: Nicht jeder Klient ist ein Klient! Unter der Prämisse, dass das lösungsfokussierte Beratungskonzept eine kooperative Interaktion zwischen einem Problemlösungssuchenden und einem „Lösungsorientierer“ darstellt, stellt sich im Hinblick auf den Klienten die Frage, wann ist ein Klient wirklich ein Ratsuchender? Steve de Shazer unterscheidet in der Praxis drei Typen von Klienten. Je nach dem, mit welchem Typus der Berater konfrontiert wird, wird der Berater auch seine Beratung strukturieren. VIII.2.1. Der Besucher Der Besucher schein kein explizites Problem zu haben und kommt vordergründig lediglich in die Beratung, weil er „geschickt“ oder „mitgebracht“ wurde. Da in diesem Fall kein Problem vorzuliegen scheint, für das eine Lösung gesucht werden kann, scheint es am sinnvollsten, den Besucher als solchen zu respektieren, da ein unfreiwilliger Klient kaum etwas unternehmen wird, um Lösungen zu finden. Handelt man jedoch nach der Prämisse von de Shazer – keine Regel ohne Ausnahme – liegt es nahe, auch diesen Besucher zu einer beraterischen Intervention in Form von Fragen, einzuladen –beispielsweise: „ Wenn wir uns jetzt einmal vorstellen, dass XY es wirklich gut mit Ihnen meint, was könnten wir beide jetzt sinnvolles tun, damit sie sich tatsächlich gut fühlen?“. VIII.2.2. Der Klagende Manchmal klagen Klienten über konkrete Probleme – der Fokus liegt vollständig auf der Klage. Sie sind nicht in der Lage, eine Beziehung zwischen der eigenen Person und dem beklagenswerten Zustand herzustellen und sehen sich als Opfer. Das Problem wurde von Anderen verursacht – sie selbst fühlen sich ohnmächtig ausgeliefert. Der Berater hat nun die Möglichkeit, empathisch mitzuleiden, bis dem Klagenden die Klagen ausgehen. Er kann aber auch diese seine Ambivalenz zwischen Mitleiden und dem Bedürfnis, eine lösungsfokussierte Intervention anzubringen, dem Klagenden zurück spiegeln. Dabei kann der Berater dem Klienten die Option einräumen, ihm komplementär als „Mitleidender“ zu begleiten oder konträr den Fokus auf situationsverändernde Gestaltungsmöglichkeiten richten. So könnte der Berater den Klienten beispielsweise Fragen: Ich kann Ihnen gut nachfühlen, dass man gar nicht mehr an eine Besserung glauben kann, wenn man sich in solch einer schwierigen Situation steckt. Vielleicht sollten wir uns die Zeit nehmen, alles etwas genauer anzuschauen. Oft hilft es ja nur, wenn man sein Leid jemanden mitteilen kann. Oder wäre es besser für sie, wenn wir uns darauf konzentrieren, was Sie tun können, um all das weiter ertragen zu können? Oder wäre es sogar noch hilfreicher, wenn wir gemeinsam überlegen, wie für sie persönlich ein erster kleiner Schritt zur Veränderung aus dieser Situation aussehen könnte?“ VIII.2.3. Der Leidende Die Klienten leiden diffus und beschreiben ihr Problem sehr vage. Die Probleme scheinen emotional stark verankert, lassen sich aber schwer Verbalisieren. Es scheint bei solchen Klienten oft eine Form extremer Inkongruenz vorzuliegen. Hier wäre es primär sicher sinnvoll, sich als Berater mitleidend einzulassen, um dann im nächsten Schritt mit Skalierungsfragen zu arbeiten: „Wenn Sie sich eine Skala von 1 bis 10 vorstellen und 10 für die Person steht, die sie eigentlich sein möchten, wie weit entfernt von dieser 10 empfinden sie sich heute?“. Die Erstellung einer subjektiven Skala zur Zielerreichung ermöglicht es, Unterschiede sichtbar zu machen, die den Klienten zu zielorientiertem Arbeiten motivieren könnten. Es ist allerdings essenziell, zwischen dem Leidenden und dem psychisch oder physisch Kranken zu differenzieren. Während der psychisch kranke Klienten motiviert werden sollte, sich in psychologische oder psychiatrische Behandlung zu begeben, ist es bei physisch Kranken durchaus opportun begleitend zur ärztlichen Therapie ressourcenorientiert und lösungsfocussiert zu beraten. IX. Resümee Psychologische Beratung erfreut sich einer langen Tradition. Schon in der Antike war die persönliche Beratung in Lebensfragen zentrale Aufgabe der Philosophen. Später erfüllten dann ältere Freunde und Verwandte sowie Hausarzt und Pfarrer die Aufgaben der psychologischen Berater. In unserer heutigen Gesellschaft, die geprägt ist von zunehmender Vereinsamung, dient die psychologische Beratung der Lösung und Linderung von Lebensproblemen bzw. Lebenskrisen – jedoch ist auch der prophylaktische Wert nicht zu unterschätzen. Psychologische Beratung ist u. a. in Themenbereichen wie Berufsberatung, Partnerschaftsberatung, Erziehungsberatung, Familienberatung sowie Jugendberatung und Drogenberatung indiziert. Da zumeist Personen, motiviert durch ein aktuelles Lebensproblem, das subjektiv als schwer lösbar empfunden wird, psychologische Beratung in Anspruch nehmen, bietet sich die lösungsfocussierte Methode im als Beratungsform an. Denn nur im Rahmen der lösungsfokussierten Methode ist eine effiziente und effektive Klärung und Lösungsfindung möglich. Allerdings bleibt zu beachten, dass auch diese Form der Beratung weder ärztliche Behandlung noch psychotherapeutisch oder psychiatrisch indizierte Hilfeleistung ersetzt. X. Quellenverzeichnis Gunther Schmid: Organisationsberatung und Coaching, Auditorium Netzwerk, Audioband, 1998 M. Barthelmess Systemische Beratung – Eine Einführung für psychosoziale Berufe, Beltz Verlag, 2001 I. K. Berg Lösungsorient. Arbeiten mit Familien, Aufzeichnung eines Workshops, Video-Cooperation-Ruhr, Video, 2000 P. De Jong / I. K. Berg Lösungen (er-)finden, Verlag Modernes Lernen, 1998 Camilla von Loesch Diverse Studienbriefe, Impulse e.V., 2006 K. Ludewig Systemische Therapie – Grundlagen klinischer Theorie und Praxis, Klett-Verlag, 1992 Steve de Shazer Der Dreh, Carl-Auer Verlag, 2006 Worte waren ursprünglich Zauber, Verlag Modernes Lernen, 1998 Wilhelm Schmid Arbeit am Guten Leben, Radiosendung, SWR2, 12.4.2004 Barry Stevens / Carl Rogers Von Mensch zu Mensch, Peter-Hammer-Verlag, 2001 J. L. Walter / J. E. Peller Lösungs-orientierte Kurztherapie, Verlag Modernes Lernen, 2004 Wikipedia Internetenzyklopädie, de.wikipedia.org, 2006 [1] J. L. Walter / J. E. Peller: Lösungsorientierte Kurztherapie, Verlag Modernes Lernen, 2004 [2] Wilhelm Schmid: Arbeit am Guten Leben, Radiosendung, SWR2, 12.4.2004 [3] P. De Jong / I. K. Berg: Lösungen (er-)finden, Verlag Modernes Lernen, 1998, S. 124 [4] Steve de Shazer: Der Dreh, Carl-Auer Verlag, 2006 [5] I. K. Berg: Lösungsorient. Arbeiten mit Familien, Aufzeichnung eines Workshops, Video-Cooperation-Ruhr, Video, 2000 [6] K. Ludewig: Systemische Therapie: Grundlagen klinischer Theorie und Praxis, Klett Verlag, 1992 [7] M. Barthelmess: Systemische Beratung – Eine Einführung für psychosoziale Berufe, Beltz Verlag, 2001 [8] Gunther Schmid: Organisationsberatung und Coaching, Auditorium Netzwerk, Audioband, 1998 [9] Wikipedia: Internetenzyklopädie, de.wikipedia.org, 2006 [10] Camilla von Loesch; Diverse Studienbriefe, Impulse e.V., 2006 [11] J. L. Walter / J. E. Peller: Lösungsorientierte Kurztherapie, Verlag Modernes Lernen, 2004, S. 25 [12] Barry Stevens / Carl Rogers: Von Mensch zu Mensch, Peter-Hammer-Verlag, 2001, S. 111 [13] J. L. Walter / J. E. Peller: Lösungsorientierte Kurztherapie, Verlag Modernes Lernen, 2004, S. 54 [14] Steve de Shazer: Worte waren ursprünglich Zauber, Verlag modernes Lernen, 1998, S. 19 [15] Steve de Shazer: „Der Dreh“, Carl-Auer Verlag, 2006 [16] Wikipedia: Internetenzyklopädie, de.wikipedia.org, 2006 Autor: Sandra Sopp-Ehlting RESULTS! Die Praxis für psychologische Beratung und Coaching
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